Das LinkedIn-Paradoxon: Toxische Toxizität

Das LinkedIn-Paradoxon ist der Grund, warum ich gezwungen bin, diesen Text nicht wie ursprünglich geplant auf LinkedIn, sondern hier zu veröffentlichen.

Wer sich regelmäßig auf LinkedIn aufhält, wird mit Sicherheit das Phänomen kennen: jeder verbreitet Weisheiten. Überall sieht man Selbstdarstellung. Es sind entweder ganz direkte und unverblümte Posts über seine eigenen Errungenschaften oder Texte über ein beliebiges Thema, die dann aber mit einem herausgeputzten Bild von dieser Person geziert sind.

Diese Bilder sind natürlich effektive Clickbaits, da wir Menschen als soziale Wesen unsere Aufmerksamkeit am ehesten anderen Menschen schenken. Wenn wir ein Bild von einer anderen Person sehen, dann möchten wir wissen, „was es damit auf sich hat“. Die Menschen auf den Bildern sind auch oftmals attraktiv und natürlich dargestellt, ganz unabsichtlich natürlich.

Ich kann mir gut vorstellen, dass für ein Foto eine stundenlange Vorbereitung notwendig ist, damit die Haare aussehen, als wären sie angeblich so in diesem Augenblick fotografiert worden.

Aber zurück zum Thema:

Da LinkedIn eine Plattform der Selbstbeweihräucherung ist, müssen sich die Weisheiten natürlich auch in höhere Ebenen entwickeln, die die vorherigen (niedrigen) Ebenen aushebeln. In diesem Beispiel wird gegen Ende klar, was ich mit dem LinkedIn-Paradoxon meine:

Ebene 1: Ich habe ein Job.

Ebene 2: Ich habe einen Top Job.

Ebene 3: Man muss für einen Top Job hart arbeiten (wie ich).

Ebene 4: Es erfordert nicht nur harte Arbeit, sondern auch Raffinesse (schaut auf mich).

Ebene 5: Ich möchte gar kein (toxischen) Top Job, ich bin ein bodenständiger ehrlicher Arbeiter (und deshalb überlegen).

Ebene 6: Es geht gar nicht um Jobs, sondern um die Person (mich). Ich stehe darüber und bin kein Opfer der (toxischen) Leistungsgesellschaft.

Ebene 7: Im Ich-selbst-Sein bin ich der/die beste. Ich mag meine schlechten Seiten (im Gegensatz zu euch).

Ebene 8: Ich bin ich selbst und kann aber trotzdem ein Top Job haben.

Ebene 9: Ich bin ich selbst und kann DESHALB ein Top Job haben.

Ebene 10: Es ist egal wie ich bin und welchen Job ich habe (ich bin weise).

Ebene 11: Über sich selbst zu schreiben ist toxisch (ich tue es nicht, ich bin weiser).

Ebene 12: Auf LinkedIn zu schreiben ist ein Zeichen von (toxischem) Geltungsbedürfnis (folgt stattdessen alle mir).

Ebene 13: Ich mache mich lustig über alle (toxischen) Menschen auf LinkedIn (aber Liken nicht vergessen).

Und so weiter.

Zunächst einmal: In letzter Zeit ist der Trend zur „Toxizität“ stark aufgekommen (ich verwende es hier). Alles, was als „toxisch“ bezeichnet wird, gilt als absolut schlecht und bedarf keiner weiteren Erklärung. „Toxisch“ ist der Anfang und das Ende jeder Argumentationskette auf allen Ebenen. Aber wie toxisch ist die Toxizität?

Im obigen Beispiel mit den Ebenen wird bereits deutlich, worauf ich hinaus möchte: Egal was man liest, man kann sich nie sicher sein, ob der Autor nicht heimlich nur Selbstdarstellung auf LinkedIn betreibt. Und auf der anderen Seite: Egal was man schreibt, man kann sich nie sicher sein, ob die Leser die Nachricht authentisch und ohne Selbstdarstellung wahrnehmen.

Entscheidend ist nicht die An- oder Abwesenheit der bewussten Intention des Autors, sich selbst darzustellen, sondern inwiefern er sich selbst trauen kann, dass die Nachricht nicht doch insgeheim von ihm selbst geschrieben wurde, um Likes zu sammeln. Es könnte sein, dass die Dynamik des „Übertreffens“ automatisch und unbewusst abläuft, ohne dass man es selbst bemerkt oder zugeben möchte.

Was jedoch im Alltag von LinkedIn wirklich nervig ist, ist der Eindruck, dass es dem Autor völlig gleichgültig ist, ob er entlarvt wird. Die Motivation, Likes zu sammeln, ist viel stärker als die Scham, seinem eigenen Post in gewisser Weise zuwiderzulaufen.

Hier ist ein Beispiel (es gibt unzählige):

Im obigen Bild sieht man, dass eine Frau schreibt, dass Frauen unabhängig vom Kontext anziehen können, was sie wollen, sei es in der Freizeit oder im professionellen Umfeld. Als Beispiel postet sie auch ein eher freizügigeres Bild von sich selbst. Die Botschaft an sich ist absolut gerechtfertigt. Durch ihr Bild erhält dieser Post jedoch erst die Aufmerksamkeit, welche sie in der negativen Form ablehnt. Der Post hat weit mehr als das Zehnfache an Likes im Vergleich zu ihren anderen Posts. Sie möchte nicht durch ihr Äußeres verurteilt werden, bedient sich aber der unbestreitbaren Macht ihres Äußeren und verwendet die positive Beurteilung. Die Frage nach der Absicht stellt sich aus der nüchternen Sicht des LinkedIn-Paradoxons gar nicht, sondern gehört LinkedIn-Alltag.

Hier ist ein weiteres Beispiel:

Hier sehen wir eine Person, die sich oft über die LinkedIn-Kultur lustig macht. In der Beschreibung sieht man auch den Schriftzug „Demotivational Speaker“.

Aber auch hier gilt: Dies ist und bleibt ein LinkedIn-Profil, das gepflegt wird und darauf abzielt, Likes zu sammeln.

Genau das ist das LinkedIn-Paradoxon: Man kann nichts objektiv und als vollkommener Beobachter zum Thema Selbstdarstellung oder allgemeine LinkedIn-Posts schreiben, solange man dies auf LinkedIn selbst tut.

Ich hatte in Erwägung diesen Text genauso auch auf LinkedIn zu veröffentlichen und dabei auf die Unmöglichkeit hinzuweisen, dem Paradoxon zu entkommen und mich somit von Schuld rein zu waschen. Aber genau dieser Hinweis auf die Unmöglichkeit und der Versuch unschuldig zu sein, könnte sogar die größte und ultimative Täuschung gegenüber einem selbst und den Lesern sein, da dieser Beitrag letztendlich doch auf LinkedIn zu finden ist und Likes bekommt.

Das LinkedIn-Paradox kann natürlich auch auf anderen Plattformen wie Facebook, Instagram, Dating-Plattformen, usw. beobachtet werden.

Es gibt sogar auch einen Trend: „Luddite“, also „Technikverweigerer“, sind meist Jugendliche, die bewusst keine Smartphones verwenden. Der Witz dabei ist, dass diese „Luddites“ in Abständen mithilfe von anderen Fotos von sich posten. Auch wenn dies einmal im Jahr geschieht: Dieser eine Auftritt in den sozialen Medien, in der Gesellschaft, verleiht dem handylosen Leben eine ganz andere Bedeutung und somit ein anderes Gefühl, als wenn man tatsächlich handylos lebt und niemand davon Wind bekommt.

Gesellschaftlicher Makrokosmos LinkedIn

Das LinkedIn-Netzwerk umfasst nicht Familie und Freunde, sondern die beruflichen Verbindungen. LinkedIn fühlt sich für das Individuum an wie eine Kommunikation mit der Gesellschaft schlechthin.

Möchte man mit der Gesellschaft kommunizieren, verwendet man LinkedIn. Und der Wunsch nach Kommunikation mit der Gesellschaft entsteht oft, wenn man über Konventionen nachdenkt oder den inneren Druck verspürt, den Konventionen gerecht zu werden.

Um am „königlichen Hof der Gesellschaft vorzusprechen, bereitet man sich rituell vor: man putzt sich modisch heraus, kleidet sich in modische Begriffe und verwendet modische Sprache, um letztlich sein eigenes „Gebet an die Gesellschaft“ mit allen Sicherheitsvorkehrungen abzusichern, dass es auch alle mittragen und teilen, damit es auch wirklich in die Mitte der Gesellschaft in positiver Weise ankommt.

Wenn man sich lange auf LinkedIn aufhält, fällt es sogar schwer, die LinkedIn-Brille abzusetzen. Man betrachtet alles aus gesellschaftlicher Sicht und teilungswürdige Erkenntnisse sammeln sich im Kopf wie von ganz alleine. LinkedIn ist aus diesen Gründen gewissermaßen auch Kunst, da es einem erlaubt, die Welt aus einem anderen Blickwinkel betrachten zu können. Die „Luddites“ betrachten ihr handyloses Leben aus der Sicht einer Version ihres Selbsts ohne Handy im Kontrast zu einer stark vernetzten Version ihres Selbsts. Der eine Post im Jahr eines Luddites ist notwendig, um das durch den Kontrast entstandene Gefühl der Erhabenheit aufrechtzuerhalten.

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