Die Integritätsfalle: Werte und Systeme
Dieser Artikel mag eine leichte provokante Note nicht entbehren, da „Integrität“ sonst ausschließlich als eine positive und erstrebenswerte Eigenschaft beschrieben wird.
Besonders im Westen gehört es zu einem erwachsenen und vollständigen, integrierten Individuum dazu, seine eigenen Werte und Ideale zu haben und mit diesen mit sich selbst in Übereinstimmung mit der Außenwelt zu interagieren. Ich spotte nicht darüber, sondern bin fast neidisch auf jene, die vermeintlich ein fertig umgesetztes vollumfängliches Wertesystem ausleben. Aber nur dann, wenn alle Herausforderungen die ein Wertesystem mit sich bringen gelöst und nicht einfach übersehen werden.
Denn bei der Umsetzung eines konsequenten Wertesystems werden fortwährend neue Eindrücke, Deutungsherausforderungen und Realitäten im eigenen Innern aber auch in der Außenwelt von eben diesem System verdaut werden müssen. Ist einem zudem bewusst, dass zur Aufgabe eines allumfassenden Wertesystem die ständige Suche nach dunklen noch unverdauten Flecken auf der Landkarte der wesentlichste Bestandteil ist, so wird man früher oder später auf Probleme stoßen, die ich hier gerne näher beleuchten werde.
Nehmen wir ein einfaches und alltägliches Beispiel:
Man sieht eine andere Person mit einer Sache, die man selbst vermeidet, weil man diese als schlecht für sich erachtet hat. Sei es Alkohol, Faulheit, Drogen, ungesunde oder nicht der Religion entsprechende Ernährung oder auch Workaholism, vollständige Drogenabsistenz, Perfektionismus, es kann alles sein. Wie geht man damit nun um? Wenn das bisherige Wertesystem ausschließlich auf sich selbst bezogen war, beginnt spätestens jetzt die Frage: wie geht man damit um, wenn andere etwas „schlechtes“ tun? Natürlich kann einem diese Frage auch gar nicht einfallen. Dann lebt man stolz mit einem Wertesystem um des Wertesystems willen. Nimmt man es jedoch ernst, muss man sich immer wieder neuen Fragen neu positionieren.
Es gibt natürlich andere Lösungsmöglichkeiten. Es kann natürlich sein, dass ein Wert im Wertesystem besagt, dass es nur Handlungsweisen für einen selber geben soll. Oder auf moralische „Wertesprache“ ausgedrückt in verschiedenen Facetten:
Da nur ich mich kontrollieren kann, habe ich letztlich nur Verantwortung für mich selbst.
Mit meinen Werten muss ich bei mir selbst anfangen, vielleicht werde ich damit als gutes Beispiel vorangehen und eine starke Community erzeugen und einen positiven Einfluss in der Welt ausüben.
Jeder soll tun und lassen was er will. Jeder ist für sich selbst verantwortlich und ich habe nicht das Recht anderen etwas vorzuschreiben.
Wenn provoziert, mag er in der ultimativen Form äußern: ich teile Ihre Meinung nicht, aber ich würde mein Leben dafür einsetzen, dass Sie sie äußern dürfen.
Eine dritte Lösung mag sein, dem Gegenüber darzulegen, warum diese Sache schlecht ist. Es ist ja schließlich die Pflicht, anderen genauso wie sich selbst zu helfen.
Eine vierte Lösung könnte sein, dass man prüft, ob das eigene gefällte Urteil nicht vielleicht falsch ist. Wobei hier die Kunst besteht, dieses richtig und falsch mit den Werten zu beurteilen, die ja anfangs selbst verantwortlich waren, die Sache als „schlecht“ zu beurteilen. Möchte man sein Urteil also ändern, muss man auch hier neue Werteanteile hinzufügen. Die vierte Lösung ist also eine Erweiterung des Wertesystems.
Entscheidet man sich für letztere Lösung, muss man sich einem weiteren Problem stellen: die Willkürlichkeit und vor allem Zusammenhanglosigkeit der verschiedenen Werte innerhalb des Wertesystems.
Strenggenommen sollten sich alle Werte wie in der Sprache der Mathematik ineinander überführen lassen. Somit wäre man integer und sicher vor Zweifeln. Hier bestünde natürlich immer noch die Frage, auf welcher Basis das Ganze fußt.
Kann man jedoch nicht alle Werte wie mit logischen Ketten beweisen, so muss man sich fragen, ob die einzelnen Werte nicht einfach willkürlich und nach Lust und Laune, also unterbewusst von Emotionen geleitet und somit nicht dem moralischen Anspruch eines Wertesystems entsprechen.
Dieses Problem besteht auch bei der Auswahl der vier verschiedenen Lösungen. Warum wird eine Lösung ausgewählt und nicht eine andere? Kann ein bereits existierender Wert zur Auswahl des nächsten Werts führen oder geschieht die Auswahl wieder aus unbewusst emotionalen Gründen?
Ist man sich all diesen Problemen bewusst, wird man in Versuchung kommen, dies mit Metawerten zu lösen:
Ich brauche gar nicht zu allem eine Meinung (Bewertung) haben.
Es ist eine interessante philosophische Frage, aber ich muss mich nicht darum kümmern.
Aber auch hier, wie auf allen anderen Ebenen, stellt sich die Frage, warum man gewisse Wertepositionen einnimmt und nicht andere.
Aus meiner Sicht gibt es nur die Lösung, die über die Skala des Wertesystems hinausgeht, nämlich gar keine. Man muss zugeben, dass dieses Wertesystem nichts anderes ist, als vereinzelte emotional bedingte Handlungsanweisungen, die das Über-Ich mit dem Ego kuscheln lassen.
Wertesysteme mit Appetit auf weiße Flecken auf der Landkarte sind natürlich inhärent scharf (ver-)urteilend. Dies kann auch einem die Sicht auf die Realität verdecken und man wird viele Zwischennuancen übersehen und verpassen, denn man neigt dann oft zu Extremen.
Den Drang nach einem Wertesystem auf gesellschaftlich-politischer Ebene ist mindestens genauso häufig vorzufinden: die verschiedenen ideologischen -ismen sprechen Bände. Es sind Theorien, die sich selbst an höchster Stelle sehen und alle Menschen müssen sich dem unterordnen, dann wird es funktionieren.
Besonders hervor sticht der Libertarismus, genauer: Anarcho-Kapitalismus. Er ist nämlich ein Metawertesystem wie oben beschrieben, entstanden aus der Einsicht der Unzulänglichkeit einfacher Wertesysteme. Er sagt einfach aus: so wie es ist, ist es gut und soll es sein. Der Markt soll nicht fair gestaltet werden und das „fair“ von einer Ideologie vorher definiert werden, sondern fair ist einfach immer das, was der freie Markt entscheidet. Es ist fast ein Stoizismus, nur dass man den freien Markt nicht nur zu akzeptieren lernen möchte, sondern aktiv gutheißt, also eine amor fati. Natürlich muss man auch hier genügend Mut aufbringen sich einzugestehen, dass auch im Libertarismus von anderen Menschen verlangt wird, sich dieser Maxime zu beugen. Wenn denn nun einer behauptet, dass es auch im Rahmen des Libertarismus ist, wenn andere sich nicht beugen wollen und sie ihren anderen -ismus ausleben, dann kann man nur entgegnen: Dann haben schon alle Menschen und Gesellschaften der Erdgeschichte immer und ewig im Libertarismus gelebt ohne es zu wissen.
Abschließend möchte ich also meine eigene Schlussfolgerung nahebringen:
Es gibt keinen anderen Weg, als sich zuerst um seine Emotionen und Bedürfnisse zu kümmern und zu ordnen. Ein gesundes Etwas, was man mit einem Wertesystem vergleichen könnte, wird sich automatisch daraus ergeben. Hier muss man ehrlich sein und beispielsweise auch das Bedürfnis ein Wertesystem zu besitzen als solches erkennen und nachforschen, warum man jenes besitzen möchte. Als zur Schau getragene Charaktereigenschaft? Ein verstecktes Statussymbol? Weil es von Menschen verlangt wird, die einen dann lieben? Es kann viele Gründe haben.
