Effekte, Phänomene, Paradoxa und Fehlschlüsse

Der Grund weshalb ich mich gerne mit „Effekten“ beschäftige ist, dass diese einem bestimmten Gedankenkonstrukt einen Namen geben. 

Als einfachstes Beispiel kann der Placebo-Effekt herangenommen werden. Jeder scheint dieses Phänomen bei sich und bei anderen zu kennen oder zu vermuten. Aber ohne diesen Effekt zu kennen, sind die Gedanken, die man dabei hat, unnötig und sogar destruktiv auf eine Person bezogen. „Sie glaubt nur so fest daran, deshalb fühlt sie sich besser“ ist fast schon ein persönlicher Angriff. Wenn man aber sagt „Placebo-Effekt“, dann wird auch die besagte Person dieses Phänomen im eigenen Innern als ein Naturschauspiel und nicht mehr als eine Persönliche Neigung betrachten. Man hat also mit einem Wort pointiert einen somit vermeidbaren komplizierten Wortwechsel mit potentiellen Missverständnissen vermieden. Die Depersonalisierung unterstützt auch dabei, mit den begleitenden Problemen fertig zu werden. Wenn man keine Lust auf die Steuererklärung hat und den gesamten Tag unproduktiv ist, fühlt man sich sehr schlecht und verfängt sich im Tal einer depressiven Verstimmung. Ist man sich aber bewusst, dass es sich hier einfach und eine sehr üblich Prokrastination handelt, wird die persönliche Identifizierung mit diesem Problem beendet und man kann als nächsten Schritt sogar lernen, wie diese Prokrastination zu bekämpfen ist.

Das ist natürlich ein Riesenvorteil und man hat fast den Eindruck, dass immer noch viel zu wenig psychologische Phänomene einen Namen bekommen haben, da die Identifizierung im gegenseitigen Alltag doch immer noch tonangebend ist. 

Dazu sollte man sich allerdings auch vor Augen führen, dass die Benennung auch sinistere Absichten haben kann:

Bestes Beispiel ist die zuletzt vermehrte Verwendung des Dunning-Kruger-Effekts (Wikipedia: die kognitive Verzerrung im Selbstverständnis inkompetenter Menschen, das eigene Wissen und Können zu überschätzen). Möchte man also die Gegenseite diffamieren und am liebsten sagen: „Sie sind dumm“, so präsentiert man schön wissenschaftlich aufpoliert den Vorwurf des Dunnung-Kruger-Effekts. Wobei hier Vorwurf schon unbeabsichtigt hart klingt, es soll ja wie eine unanfechtbare wissenschaftliche Feststellung aussehen. Darüber hinaus wird durch die Interpretation eines Sachverhalts als „Effekt“, „Fehlschluss“, usw. natürlich auch sei es gewollt oder ungewollt, Framing betrieben. 

Dies sind also die Vor- und Nachteile der Verwendung und Schaffung von Effekten. Das ganze Leben besteht natürlich aus Phänomenen. Ich möchte hier einige meiner Lieblingseffekte vorstellen:

Das LinkedIn-Paradoxon: hier beschrieben.

Die Integritätsfalle: hier beschrieben.

Das Abilene-Paradox: Eine Gruppe von Menschen entschließen sich im Kollektiv zu einer Handlung im Irrglauben, dass es alle anderen, die Mehrheit oder zumindest auch nur eine Person so möchte. In Wahrheit aber ist es jedem zuwider. Achtet man im Alltag etwas darauf, wird man viele Beispiele finden, sei es auch nur bei einer Kleinigkeit oder in kleiner Gruppe bzw. zu zweit. 

Clueyness: eine eigenartig und unverhältnismäßig starke emotionale Trauer und Reue.

Gell-Mann Amnesie Effekt: Wenn man Experte auf einem Gebiet ist und Medienbeiträge zu diesem Thema liest, stellt man erstaunlicherweise häufig fest, dass der Beitrag von Unwahrheiten, Verzerrungen und Fehlschlüssen durchzogen ist, wenn nicht sogar fast immer. Konsumiert man hingegen Beiträge zu Themen, in denen man weniger oder gar keine Expertise besitzt, neigt man dazu, wieder zu glauben, dass die Darstellung korrekt und der Wahrheit entsprechend ist. Man vergisst dabei, dass der vorherige Beitrag Fehler enthielt, und geht fälschlicherweise davon aus, dass die Fehlerhaftigkeit auf diesen begrenzt bleibt.

 

Survivorship-Bias: Wie oft habe ich schon gehört „ich habe das auch gemacht und ich lebe noch“. Wenn man den Survivorshop-Bias kennt, dann ist der unvermeidbare darauf folgende Gedanke „Ja, die zehn anderen Menschen die das gemacht haben und tot sind können ja nicht mehr sprechen“. Der Survivorship-Bias beschreibt also das Phänomen, dass ein bestimmtes Ergebnis zugunsten eines oder mehrerer anderer Ergebnisse verstärkt auftritt, diese Beobachtung (z. B. Anzahl der Exemplare) selbst aber durch jenes Ergebnis beeinflusst wird. Menschen, die in Russisch Roulette verloren haben, treten gar nicht mehr in der Stichprobe auf, weil das Ergebnis (Tod) das Auftreten in der Stichprobe beeinflusst.

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