Individualismus vs. Kollektivismus
Kann man als Mensch überhaupt individueller oder kollektivistischer sein als andere Menschen?
Es gibt prinzipiell zwei verschiedene Methoden, den Individualismus einer Person zu verstehen.
1) Wenn man einen Menschen betrachtet so wie er ist, mit all seinen Meinungen, Eigenschaften, Werten, äußere Merkmale, Kleidungswahl, usw. ist es dieser Mensch nicht zwangsläufig ein Individuum und somit individuell? Jeder einzelne Mensch ist per se individuell, also muss zwangsläufig jeder Mensch 100% individuell sein.
2) Oder „Individualität“ wird im Vergleich zu anderen Menschen gemessen. Wie stark unterscheidet er sich von anderen? Natürlich muss hier geklärt werden, mit wem verglichen wird, wie und vor allem was betrachtet wird.
Das ist eine ähnliche Angelegenheit einer Begriffsdefinition wie z. B. bei der Aussage: „Die Fußballmannschaft A hat das Spiel verdient gewonnen“. Man kann „verdient“ so verstehen, dass immer die Mannschaft es verdient zu gewinnen, die tatsächlich auch gewonnen hat. Man kann „verdient“ allerdings auch nach Anzahl und Güte der Torchancen begreifen.
Wie wird das Wort Individualität heute verstanden und verwendet? Auf den ersten Blick nach Definition 2).
Aber hier fangen schon die Probleme an, wenn denn jeder sehr individuell ist, wie individuell ist dann jeder einzelne wirklich? Natürlich kann jeder sehr individuell sein: jeder sieht anders aus, hat einen sehr eigenen Kleidungsstil und sein Verhalten unterscheidet sich von vielen. Das Wort „individuell“ könnte somit gerechtfertigt werden. Aber wenn jeder individuell ist, ist dann die Individualität durch die inflationäre Nutzung verrottet und man kann nicht mehr die Augen vor der Meta-Individualität verschließen, die ja dann nicht mehr vorhanden ist, weil ja keiner individuell ist, wenn jeder individuell ist? In einer sehr homogenen Gesellschaft ist es einfacher aus der Reihe zu tanzen und sehr somit individuell zu sein. In diesem Fall hätte die Individualität einer Person diese Bezeichnung verdient. Aber ist die „Individualiät“ heutzutage und hierzulande nicht bloß ein kollektives Aushängeschild, das zum guten Ton gehört?
Das Verständnis des Begriffs hat sich längst verselbstständigt. Es ist wie der Begriff „modisch“, es kann immer etwas anderes darunter verstanden werden, aber alle streben danach und sind bestimmt Kriterien erfüllt, hat man sich diese Auszeichnung verdient, verliehen durch den stillschweigenden Konsens. Wer individuell sein möchte, färbt seine Haare, hat ungewöhnliche Klamotten und eckt gerade so leicht an, dass die anderen das Anecken noch als „Individualität“ verstehen. Jedes Jahrzehnt, jede Mode, reserviert einen Platz für die „Individualität“. In jeder Mode wird diese sich einnisten und sehr bald versteht man, wie man innerhalb einer Mode genügend individuell sein kann.
Die Individualität beschränkt sich natürlich nicht nur auf Mode, sondern zieht sich durch alle Bereiche. Zumindest alle Bereiche, in denen ein kollektiver Anschein bestehen könnte. Lehrer und Eltern bringen ihren Kindern bei, nicht auf sie zu hören, selbst zu denken und nicht zu brav zu sein. Brav wie sie sind, gehorchen sie. „Sei frech!“ sagt man zu braven und übersieht, dass die ultimative Frechheit, in der ursprünglichsten Bedeutung, die Bravheit selbst ist. Aber hier sollen sie ja gehorchen, denn niemand darf mitbekommen oder denken, dass im eigenen Hause autoritär geherrscht wird. Gehorsam darf ruhig in seiner Wirkungsweise fortbestehen und verwendet werden, solange dieser nicht als solcher enttarnt wird.
Das Zuwenden zum Individualismus ist also eigentlich eher ein Abwenden vom Kollektivismus und Autoritarismus. Solange man weit genug davon entfernt ist, ist es egal welche und ob eine Begriffsdefinition von „Individualität“ überhaupt passt. Man gönnt es ihnen ja, nach diesem traumatischen Jahrhundert, das durch Kollektivismen verwüstet wurde. Bloß kein einheitliches Tanzen als Sport-Eröffnungsshow, bloß kein kollektives Vorlesen in der Schule, bloß keine Einheitlichkeit, das erzeugt Angst.
Das Buch „Die Welle“ von Todd Strasser (Morton Rhue) basiert auf einer wahren Begebenheit und beschreibt, wie ein Lehrer in einer Schulklasse ein Experiment durchführt, welches außer Kontrolle gerät. Das Experiment besteht darin, dass innerhalb der Schulklasse ein Kollektivismus durch Symbolik, Sprache, Verhalten und klaren Regeln erschaffen wird, mit dem Lehrer als oberste Autorität. Die meisten Schüler werden in den Bann gezogen und saugen alles auf. Dies gilt vor allem für einen bisherigen Außenseiter, der durch seine neue Rolle aufblüht. Durch die entwickelte Eigendynamik der kollektivistischen Gruppe, stößt der Lehrer sogar auf Widerstand, als er das Experiment beenden wollte.
Dieses Buch wird in der Schule verwendet, um zu lehren, wie gefährlich Kollektivismus innerhalb eines autoritären Systems ist. Dies trifft natürlich auf die gegebenen Umstände zu. Aber weshalb wird die Schuld dem System gegeben? Dem autoritären Kollektivismus? Der Grund, weshalb die Schüler in diese Lage geraten sind, war ja gerade weil diese so sehr nach Kollektivismus gedurstet haben. Es bot sich endlich ein straffer Autoritarismus, der mal nicht von der Autorität verleugnet, totargumentiert wurde. Endlich konnte es ausgelebt werden, niemals zuvor bot sich die Chance, weil alles in dieser Richtung im Keim erstickt wurde. Es bot sich also nie die Gelegenheit zu lernen, wie man mit kollektiven Elementen im eigenen Selbst umgeht und wie man Autorität und Kollektivismus konstruktiv nutzen kann. Die Befehls-, Gehorsams- und Kollektivkompetenz der Klasse war nicht vorhanden.
Könnte man nicht einen Roman „Die Tropfen“ schreiben, in dem in einem funktionierenden, harmonischen Kollektiv ein Schulexperiment gemacht wird, in dem plötzlich jeder manchen soll, was er möchte, ungeachtet der anderen Mitschüler? In dieser Vorstellung muss man sich gewahr sein, dass diese Schüler sich nie gehen lassen durften und ebenfalls danach dursten. Auch hier würde das Experiment außer Kontrolle geraten und die Klasse wäre schnell keine Klasse mehr, sondern Anarchie und Chaos.
