Ist Realität real?

So viele Texte, ja sogar komplette Bücher behandeln oft Themen wie „Existiert XY“? Oder „XY ist nicht real, weil …“.

Es gibt sogar Menschen, die ihr ganzes Leben solchen Fragestellungen widmen.

Existiert Gott?

Existiert die Seele?

Existiert der Tisch?

Existiert das Selbst?

Existieren Gedanken?

So viele Menschen haben sich über ähnliche Fragen den Kopf zerbrochen. Aber hat man denn überhaupt beschrieben, was „existieren“ oder „real“ überhaupt bedeutet? Was ist, wenn die Komplexität nicht in der Antwort steckt, sondern in der Frage? Slavoj Žižek hat es treffend formuliert: „The purpose of philosophy is to ask the right questions“.

Intuitiv setzen wir “real” mit einer Sache gleich, die anfassbar und materiell ist.

Schon hier muss man aufpassen: Es gibt abstrakte gedankliche Konzepte. Die physische Realität ist zusammenhängend und kontinuierlich, dass nur der Mensch mithilfe seines Abstraktionsvermögens einzelne Dinge von der Umgebung abgrenzen vermag.

Man kann es sich wie eine Sandform (abstraktes Konstrukt) vorstellen, die man in den Sand hineinsteckt und daraufhin der Sand innerhalb dieser Form von dem umgebenden Sand abgetrennt zu sein scheint.

Sogar in der Bibel (1.Mose 2:20) steht: „Und der Mensch gab einem jeglichen Vieh und Vogel unter dem Himmel und Tier auf dem Felde seinen Namen (…)“

Es bedeutet, dass der Mensch sich aus der Realität einzelne Formen herauspickt und sie vereinzelt mithilfe eines Konstrukts (Namen) betrachtet. Gott hat und das ganze kontinuierliche Spektrum gegeben, der Mensch zerlegt es in Einzelteile.

Beispiel:

Ein Tisch. Existiert ein Tisch? Ja und Nein. Ja, weil man auf dem Tisch stehen kann, ihn anfassen kann und sich daran den Zeh stoßen kann. Nein, weil Tisch nur als Konzept existiert und man nicht auf einem Tisch steht, sondern auf einem Holzbrett mit vier Beinen. Wie kurz dürfen die Beine sein, dass es noch ein Tisch und kein Brett ist? Unternehmen wir mal folgendes Gedankenexperiment (es kann gerne auch in die Tat umgesetzt werden): Wir stehen auf einem Tisch und steigen wieder herunter. Jetzt sägen wir ein kleines Stück von den Beinen ab. Dann steigen wir wieder hinauf und sagen „Der Tisch unter mir existiert“. Nun wiederholen wir das ganze so lange, bis es sich falsch vorkommt, wenn wir sagen „Der Tisch unter mir existiert“. Wo ist die Grenze?

Wir sehen also schnell, dass die Existenz des Tisches von unserem Konzept „Tisch“ abhängig ist. Wir haben also die Sandform auf das Brett mit den vier Beinen gestülpt, während alles andere drumherum „Nicht-Tisch“ ist. Wäre die 5 cm Luftschicht direkt über dem Tischbrett auch fest, dann würde diese Luft auch als Tisch zählen.

Dasselbe gilt natürlich auch jeweils für die Tischplatte und Tischbeine selbst. Auch diese sind nur aus verschiedenen Holzflächen zusammengeklebt oder -gewachsen. Und sogar das Holz an sich existiert nicht als solches, sondern aus Zellulose, usw.

Alles Physische und Anfassbare wird also ganz schnell nicht mehr sichtbar und anfassbar, wenn man etwas hineinzoomt. Am Ende besteht alles aus miteinander wechselwirkenden Informationsfeldern, Schwingungen und ähnliches. Je weiter man reinzoont, desto schwerer fällt es, den Begriff „real“ zu verwenden. Die Wechselwirkung mit unseren Sinnen als Realitätskriterium verschwimmt. Man würde eine Zahl zwischen 1 und 10, die man sich ausdenkt, nicht als „real“ bezeichnen. Aber diese Zahl ist genauso „nur“ Information, wie aus der die Materie besteht, aus der alles um uns herum und unser Körper, unser Hirn, die Hilfsmittel mit der wir eine Zahl ausdenken können, ist.

Wenn wir also nachdenken, ob eine Sache existiert, ist es, als ob wir versuchen würden, verschiedene Handy-Aufladekabel einer Eidechsengattung zuzuordnen. Kein Wunder, dass ganze Bücher darüber geschrieben werden müssen. Denn der Begriff „Realität“, die wie alle anderen Begriffe als Mittel zum Zweck entstanden, um eben auf Phänomene zu deuten, die wir eben intuitiv als „real“ betrachten. Der Begriff entstand also aus praktischer Natur, und jetzt diesen Begriff als gegeben zu postulieren und auf die Welt da draußen zu stülpen, bedarf es vieler Gedankenakrobatik.

Die Frage ist nicht „Existiert Gott?“, sondern: „Was meinst du mit existieren wenn du sagst, dass Gott (nicht) existiert?“. Und der Vollständigkeit halber: „Was meinst du mit Gott?“.

Existieren Gedanken? Man kann sie nicht anfassen, aber jetzt wissen wir: was hat das mit der Frage zu tun?

Der Begriff ist also sehr nützlich, hat aber darüber hinaus keinen tieferen Wahrheitsgehalt.

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