Luft, Gold, Bitcoin: Was ist „Wert“?

Einleitung

Der Begriff „Wert“ wird meist gerne selbstverständlich verwendet, aber was steckt denn genau dahinter? Alle scheinen bereits eine feste Meinung und eine einzig gültige Definition zu besitzen, die sich jedoch meist untereinander stark unterscheiden und teilweise widersprechen. Was zurückbleibt, ist oftmals Konfusion, bestückt mit diffusen Halbwahrheiten.

Wenn man jedoch sein Vermögen in etwas investieren möchte, ist es ratsam, den Begriff „Wert“ kritisch zu hinterfragen.

Von daher: hoffentlich ist dieser Artikel für Sie wertvoll!

Der Begriff

Der Begriff Wert oder wertvoll wird häufig in sehr unterschiedlichen Bereichen in verschiedenen Zusammenhängen verwendet: „Das Gemälde ist wertvoll“, „Gold ist wertvoll“ oder um Alexander von Humboldt zu zitieren: „Im Grunde sind es doch die Verbindungen mit Menschen, die dem Leben seinen Wert geben.“

Hier soll es nicht um strikte Begriffsdefinitionen gehen, von denen es sicherlich viele gibt, weder ökonomisch, linguistisch, psychologisch noch philosophisch. Auch innerhalb dieser Bereiche passiert es natürlich erschreckend oft, dass man sich in philosophische Gedankenschleifen und sprachliche Fallstricke verfängt. Der Versuch einen Begriff absolut und mit mathematischer Manier zu definieren ist zum Scheitern verurteilt, da man sich dann innerhalb dieser Definition weiterer Begriffe bedienen muss, die dann aber eigentlich auch erst einmal mit genau derselben Akribie definiert werden müssen. Macht man sich die Mühe alle Begriffe zu definieren, landet man in einem wohlbekannten Gebiet: der Mathematik. Verabschieden wir uns also vorerst von dem (Zwangs-)gedanken, einen Begriff umfassend und absolut als Formel festlegen zu können.

Im Folgenden soll es darum gehen, ein zweckdienliches Verständnis aufzubauen. Es geht hier also nicht darum, primär den Begriff in allen Facetten befriedigend abzuarbeiten, sondern das Phänomen zu verstehen, warum und wann man einer Sache Wert zuschreibt.

Wert ist Begehrlichkeit

Ob für einen ein Gemälde, Gold, menschliche Beziehungen oder eine bestimmte Emotion wertvoller ist, ist individuell unterschiedlich. Lapidar ausgedrückt, bedeutet Wert einfach, wie wichtig einem etwas ist, welche „Werte“ man hat. Wert entsteht, wenn ein Subjekt Dinge in verschiedene Prioritäten hinsichtlich eines bestimmten Ziels einordnet und dadurch ein Maß der Zweckdienlichkeit (im wahrsten Sinne eine „Bewertung“) entsteht. Ich bevorzuge den Begriff „Begehrlichkeit“, da Wert oftmals mit anderen Konzepten vertauscht oder vermischt wird.

Wert bzw. Begehrlichkeit ist auch dann existent, wenn man der einzige Mensch auf der Welt ist oder auf einer einsamen Insel lebt. Der Begriff macht hier Sinn, da die Begehrlichkeit von verschiedenen Dingen abstrahiert werden und somit beispielsweise verglichen oder priorisiert werden kann. Ein Einsiedler auf Nahrungssuche wird auch seine Begehrlichkeiten (Werte) aus den verschiedenen Dingen um ihn herum und aus seinen Tätigkeiten herausabstrahieren können. 

Denn Menschen haben die Fähigkeit Dinge in Gedanken abstrahieren zu können, womit das Konzept des Werts theoretisch durch Raum und Zeit transferiert und manipuliert werden kann. Durch diese Fähigkeiten und Möglichkeiten entstand der Begriff Wert, um dies auch innerhalb einer Kommunikation ausdrücken zu können.

Wenn jetzt weitere Menschen hinzukommen oder man sich in einer Gesellschaft befindet, muss man nicht nur mit sich selbst ausmachen wie seine Prioritäten und somit der Wert von Dingen steht, sondern dies auch mit anderen Menschen kommunizieren.

Welche Dringlichkeit und Priorität hat dieses wertvolle Mittel oder Ziel? Wie hoch ist die Opferbereitschaft, welchen sprichwörtlichen „Preis“ ist man bereit zu zahlen? Auf einer einsamen Insel priorisiert man Tätigkeiten wie z.B. „Ich gehe erst Angeln und dann die Kokosnuss knacken“. Der Preis ist dann, dass man vielleicht an dem Tag nur noch das Angeln schafft. Der Preis ist einem als abstraktes Konstrukt in diesem Fall nicht unbedingt bewusst. In einer Gesellschaft aber, muss der Preis kommuniziert werden.

In einem existierenden monetären System äußert sich dies natürlich oft in Geldeinheiten, da diese ein Mittel sind, um in einem Konkurrenzkampf seine Opferbereitschaft auszudrücken.

Natürlich gibt es neben der monetären Methode auch andere Wege der Energieaufwendung, wie z. B. körperliche Behauptung (Gewalt). Welche Methode zweckdienlicher ist, hängt von dem System ab, indem diese Verhandlung stattfindet. Dasselbe Verhalten, etwas für ein Ziel prioritär zu bewerten und dementsprechend dafür Energie einzusetzen findet sich nämlich auch bei anderen agierenden Subjekten, wie z. B. bei Tieren. Hier wird natürlich der Kampf um Wert nicht mit Scheinen und Münzen durchgeführt, sondern mit der oben genannten physischen Energie.

Der Preis einer Ware ist die quantitative Eigenschaft der Veränderung, über die die Realisierung des Kaufvertrags entschieden wird. Es ist also eine Quantität eines realisierten Kaufgeschäfts. Dies kann ein bestimmter monetärer Betrag in Euro, ein Warentausch oder die Anzahl an fliegenden Fäusten sein: alles ist ein Verhandlungsgeschäft. Damit es zur Realisierung kommt, müssen beide Parteien mit dem Preis einverstanden sein. Ob ein Preis „gut“, „schlecht“, „gerechtfertigt“, „günstig“, „teuer“ oder sogar „Betrug“ ist, ist eine rein subjektive Interpretation, die vorher, während dem Kaufvorgang oder lange nachher getätigt werden kann und sich durchaus auch im Laufe der Zeit ändern kann. Der Preis ist nur eine quantitativ ausgedrückte Einigung, ein Kompromiss auf dem Weg sein Ziel zu erreichen und somit Wert zu erlangen.

Hierbei steigt bei mehreren konkurrierenden Subjekten der buchstäbliche „Preis“, den man bereit zu zahlen ist, um sein Ziel zu erreichen. Ist man der einzige Interessent an einer Sache im Raum, muss man nichts bezahlen. Der Preis spiegelt also nicht den Wert wider, sondern die Konkurrenzsituation um einen Wert. Luft ist unendlich wertvoll, aber kostenlos, weil jeder genug hat, während auf der anderen Seite die Flasche Wasser in der Wüste schnell astronomische Preise annehmen kann, wenn es konkurrierende Interessenten gibt.

Existiert eine Verkäuferseite, so ist der Verkäufer der Konkurrent und die Preisfindung gestaltet sich zwischen Verkäufer und Käufer. Wichtig zu verstehen ist, dass wenn man alleine beim Bäcker steht die anderen (potentiellen) Käufer keine Konkurrenten sind, diese aber sicherlich reinstürmen würden, wenn die Preise sehr niedrig wären. Der tatsächliche Konkurrent ist also der Verkäufer, der die Ware bei zu niedrigen Preisen nicht herausgibt, weil er auf potentielle Konkurrenz auf Seiten der Käufer spekuliert. Buhlen zwei oder mehr Parteien um eine Sache, existiert ein Preis als Mittel zur Einigung. Wert und Preis sind also grundsätzlich unterschiedliche Phänomene und es kann nicht kausal von dem einen auf das andere geschlossen werden.

Der Wert ist die Begehrlichkeit, die Attraktion. Der Preis entsteht durch die Begehrlichkeit in Anwesenheit von Konkurrenz, oder: Angebot und Nachfrage.

Halten wir also fest: Wert in Verbindung mit Konkurrenz ist äquivalent zu Angebot und Nachfrage. Aus beiden entsteht also ein Preis. Dass der Preis natürlich auch die Begehrlichkeit beeinflussen kann, wird später beleuchtet.

Wenn aber der Wert rein subjektiv nur unter dem Gesichtspunkt hinsichtlich einer persönlichen Absicht erfasst werden kann, was ist dann der intrinsische Wert, von dem so oft die Rede ist?

Der Mythos vom intrinsischen Wert

Obwohl doch das intuitive Verständnis von Wert gegeben ist, setzen viele Leute den Begriff mit Materialwert gleich. Hiermit verbindet man rein intuitiv den Wert, der ohne „Dazutun“ vorhanden ist, in Abwesenheit von einem intelligenten Subjekt und anderen zusätzlichen Mitteln. Dies wird oft als intrinsisch wahrgenommen.

Welche Annahmen mit so einem Verständnis vom intrinsischen Wert getroffen werden, kann durch die vorherigen Überlegungen schnell anhand von zwei Faktoren dargelegt werden:
Der erste Faktor ist die Unabhängigkeit des intrinsischen Wertes von einem Subjekt, genauer ausgedrückt, von der Intelligenz des Bewerters, während der zweite Faktor die Einheitlichkeit der Wertebeurteilung ist. Der Wert darf also weder vom Subjekt abhängen noch aufgrund von individuellen Einschätzungen schwanken.

In Anbetracht dieser beiden Faktoren wird schnell klar, dass also der „intrinsische Wert“ an sich nicht existiert, genauso wenig wie eine „intrinsische Begehrlichkeit“.

Denn erstens ist bei Abwesenheit eines Bewerters auch kein Zweck und somit Wert vorhanden und zweitens werden aufgrund von unterschiedlichen Zielen der Subjekte auch immer unterschiedliche Bewertungsmaßstäbe verwendet.
Was könnte dann mit dem intrinsischen Wert also noch gemeint sein? Denn die wichtige Frage lautet: wenn etwas nicht existiert, was bezweckt dann der sprachliche Gebrauch? Was hat zur Geburt und zum Bestehen dieses Konzepts geführt?

Wahrscheinlich die Tatsache, dass ein Gegenstand aufgrund von verrichteter Arbeit gewissermaßen „Energie in sich trägt“ und / oder eine niedrige Entropie bei diesem Gegenstand vorliegt. Dies führt zwar per defintionem eine höhere Energie mit sich, hat aber keine Auswirkung auf den Wert. Unter vielen Umständen mag sich der Wert durch die verrichtete Arbeit erhöhen, der Zusammenhang ist aber alles andere als kausal.

Mehr Arbeit resultiert nicht automatisch in einem höheren Wert.

Die schwere Arbeit in einer Goldmine ist nicht der Grund für den Wert des Goldes, sondern der Wert des Goldes führt zu vermehrter Arbeit, um an weiteres bereits wertvolles Gold zu gelangen. Ein Auto in dessen Entwicklung viel Energie geflossen ist, ist zwar wertvoller, aber nur dann, wenn es in zweckdienlicher Weise geschehen ist. Der Versuch des Verkäufers den Preis eines Gebrauchtwagens aufgrund von einer hohen Kilometerzahl (viel verrichtete Arbeit) zu erhöhen, wird meist keinen Anklang finden.

Ein weiteres Argument, dass die Existenz des intrinsischen Wertes zu bestärken scheint, ist der Aspekt der Langlebigkeit und Stabilität, da ein Gegenstand ja auch in hunderten Jahren verwendet werden kann und Weltkriege überleben würde. Auch hier gilt: die Langlebigkeit eines Objektes kann durchaus in vielen Fällen den Wert erhöhen, garantiert aber keinesfalls kausal einen höheren Wert. Sie ist einfach nur eine weitere Eigenschaft von vielen, die bei einem Gegenstand hinsichtlich eins bestimmten Ziels von Wichtigkeit sein kann. Stabile Gebäude, Metalle, gut erhaltene Schriften oder eingelegtes Gemüse wären einige Beispiele, wohingegen Sand, Abfall oder Atommüll nicht durch hartnäckige Existenz an Wert gewinnen. Die Eigenschaft der Stabilität über lange Zeit hinweg darf also nicht mit einer Wert-Intrinsität verwechselt werden.

Es darf nicht vergessen werden, dass Menschen oft Gegenständen Wert zuschreiben. So glauben junge Kinder oder auch viele Erwachsene manchmal, dass Geldmünzen an sich als Gegenstand unabhängig von der Funktion wertvoll sind und abstrahieren dabei den gesamten Wert auf den Gegenstand der Münze, anstatt zu verstehen, dass die physische Form nur ein Mittel und Teil der monetären Funktion als Tauschmittel dient. Ähnliches gilt für Kunstgegenstände, Reliquien, Tiere, Menschen, usw. Diese Dinge bzw. Personen werden dann dadurch tatsächlich wertvoll – aber auch hier gilt: nur in Anwesenheit eben dieses Bewerters, auch wenn dieser diese Abhängigkeit leugnet. Wenn dieser Bewerter fehlt, ist auch niemand mehr da, der diese Abhängigkeit leugnet und Wert hineinprojizieren kann. Ein Subjekt kann noch so sehr überzeugt sein, dass der Wert nicht von ihm selbst, sondern nur vom Objekt intrinsisch erzeugt wird – bei Abwesenheit des Subjekts verschwindet auch seine Projektion. Dies bedeutet natürlich nicht, dass der Wert von etwas nicht steigen kann, denn wenn viele an den intrinsischen Wert eines Gegenstandes glauben, kann sich tatsächlich der Wert erhöhen. Wirklich intrinsisch ist er aber dadurch weiterhin nicht.

Wir können also schlussfolgern, dass ein intrinsischer Wert in dieser Form nicht existiert. Aber dass dieses Konstrukt in der Sprache existiert hat durchaus einen Grund. Leider wird hier nur eine Eigenschaft von Wert mit dem Wert selbst verwechselt. Was könnte die Ursache für diese Verwechslung sein? Vermutlich bemisst man einer Sache intrinsischen Wert, weil man sich schlicht der Gründe für diese Wertzuschreibung gar nicht bewusst ist. Dadurch ist nur das Gesamturteil „wertvoll“ bewusst greifbar und leichtfertig auf den Gegenstand projiziert.

Dass es nicht um die Dinge selbst geht, sondern was man als Subjekt mit einem Ziel mit diesen Dingern macht, kann anhand von anschaulichen Beispielen verdeutlicht werden:

Beispiel Luft: Genug ist genug

Luft ist wertvoll. Wie wertvoll? Für Menschen die leben wollen, sehr: nur in Anwesenheit von Luft (Sauerstoff) kann dies erreicht werden. Es gibt Subjekte mit suizidaler Absicht, die die Luftzufuhr unterbinden. In diesem Moment ist Luft ihrer subjektiven Beurteilung nach alles andere als wertvoll.

Was ist genau ist für Lebenswillige das Wertvolle an Luft? Es ist genügend vorhanden und man könnte ohne Augenzucken ein Quadratmeter Luft in der eigenen Wohnung vernichten. Betrachtet man die Situation genauer, sieht man, dass jedes Quadratmeter Luft an sich nicht wertvoll ist, sondern genügend Luft, wobei es egal ist, welche Sauerstoffmoleküle man einatmet. Während man auf ein paar Sauerstoffmoleküle unter normalen Umständen verzichten kann, sind diese unter Wasser oder im Weltraum enorm wertvoll, da die Moleküle in dieser Flasche „die einzige Luft“ für genügend Luft und somit das Mittel zur Funktion zum Überleben sind. Würde man verdursten bevor man erstickt, würde man in einer Flasche Wasser mehr Wert beimessen als einer Flasche Sauerstoff. Dass die Knappheit die Situation und somit den Wert verändert, passiert durchaus häufig, ist aber kein kausaler Faktor für den Wert.

Beispiel Schlüssel: Die Zielabhängigkeit von Wert

Was ist der Wert eines Schlüssels? Es ist nicht das Material des Schlüssels oder die Arbeit die zur Herstellung verrichtet wurde, sondern seine speziell ausgelegte Funktion. Natürlich sollte man nicht unerwähnt lassen, dass das Material, die Robustheit und Qualität durchaus auch eine Rolle spielen, aber nur hinsichtlich des Hauptziels. Das Material ist nicht an sich wertvoll, sondern auch nur die Funktion. Selbstverständlich könnte es auch wertvolle Designer- und Markenschlüssel geben. In diesen Fällen muss man aber erkennen, dass der Wert nicht wegen der Funktion als Schlüssel, sondern als Statussymbol entstanden ist. Der Schlüssel Petri hat sogar eine tiefe religiöse Bedeutung und das Aufschließen einer real existierenden Tür ist vollkommen irrelevant für den beigemessenen Wert.

 

Beispiel Gold: Wo liegt der Wert?

So verhält es sich auch mit Gold. Warum ist Gold wertvoll? Die Tauglichkeit als Nutzmaterial spiegelt nur einen sehr kleinen Anteil des tatsächlichen Wertes wider. Wir haben gesehen, dass Wert nur aus der Subjekt-Objekt-Beziehung entsteht. Wer findet Gold wertvoll? Die, die verstehen, dass ein hoher Preis mit Gold verbunden ist. Gold ist also wertvoll, weil damit viel Geld eingetauscht werden kann. Aber warum ist es teuer, wie hat das ganze angefangen?

Der hohe Preis des Goldes liegt an der Knappheit mag man darauf antworten. Schauen wir uns dazu im Vergleich Sandkörner oder Staubkörner an. Davon gibt es sehr, sehr viele, aber theoretisch auch nicht unendlich viel. „Knapp“ ist also wieder eine subjektive Bewertung: ab wann ist eine Sache „knapp“?  Wahrgenommene Knappheit kann nur entstehen, wenn Nachfrage besteht. Und diese Nachfrage darf nicht aus Knappheit bestehen, da wir uns sonst im Kreis bewegen. Es muss also mit Sicherheit andere Faktoren geben, die eine Nachfrage erzeugen und zu einer wahrgenommenen Knappheit führen.

Ein wichtiger Faktor ist die hohe Fungibilität: Die simple Übereinstimmung zwischen Objekt und (Begriffs-)Abstraktion. Der Begriff „Sand“ beispielsweise ist nicht eindeutig definiert. Ab welcher Größe ist ein Sandkorn kein Sand mehr, sondern ein Stein? Welche Materialien gelten als Sandkörner? Wer definiert es? Und wer bestimmt es, wer es definiert? Und wer bestimmt diesen Bestimmer? Eine fast subjektunabhängige Eindeutigkeit der Zuordnung von einer Abstraktion zu einer Sache (z. B. bei Gold durch einen qualitativen Nachweis und eine quantitative Messung) erlaubt eine eindeutige Zuordnung. Durch diese Übereinstimmung mit der Definition auf der Abstraktionsebene sind einzelne physische Repräsentanten dieser Sache auch vollständig austauschbar. Hinzu kommen weitere essentielle Faktoren wie die zuvor genannte Robustheit, Mobilität, Teilbarkeit, Verständlichkeit, Knappheit und Sicherheit vor Manipulation. Der häufig verwendete Begriff „Wertespeicher“ beschreibt in Wahrheit nur die Fähigkeit einer Sache, durch besondere Eigenschaften über einen langen Zeitraum als wertvoll angesehen zu werden. Da es keinen intrinsischen Wert gibt, gibt es auch nie einen perfekten Wertespeicher.

Aber wie kann Gold als so wertvoll wahrgenommen werden, obwohl doch die oben genannten Punkte wie Fungibilität und Teilbarkeit von den wenigsten verstanden, geschweige denn überprüft werden können? Hier kommen wir zu dem massenpsychologischen Effekt:

Massenpsychologischer Effekt und Blasen

Ein nicht zu unterschätzender Faktor ist natürlich die Wertebetrachtung aufgrund sozial-psychologischer Phänomene. Wie schon zuvor zum Thema Brot beim Bäcker oder „intrinsischer Wert“ beschrieben, kann die Wertprojizierung eine große Rolle spielen. Diese passiert dann, wenn einzelne ganz genau wissen, wie andere Menschen den Wert einer Sache einschätzen.

Wichtig ist, dass dieser psychologische Effekt ist nicht realer oder unrealer als andere Eigenschaften ist, die zur Wertebildung beitragen.

Auch ein Glaube ist real.

Nicht zwingend der Inhalt des Glaubens, aber der Glaube an sich. Und je realer oder unwiderlegbarer der Inhalt des Glaubens, desto sicherer ist die Existenz dieses Glaubens. Denn es ist alles andere als trivial, eine hohe Aufmerksamkeit und Vertrauen auf sich zu ziehen. Entscheidend für die Betrachtung für längere Zeiträume ist also, wie sehr andere und äußere Begebenheiten diesen Glauben stützen oder nicht. Schon kleine Feststellungen können Glaubensberge zum Einstürzen bringen („Tulpenmanie“). Glaubenssätze, die nie widerlegt wurden, sind hingegen stabil und sogar kaum noch wahrnehmbar. Dazu zählt nicht nur der Glaube, dass andere Menschen Geld und Gold wertvoll finden, sondern auch dass Brot satt macht. Hier kann der Glaubenssatz tagtäglich selbst bewiesen werden. Sollte Brot eines Tages nicht mehr sättigen oder schmecken, würden wir den Glaubenssatz „Ich kaufe Brot, um satt zu werden“ nicht mehr trauen und das Produkt würde bald vom Marktverschwinden und in Zeitungen als „Brotmanie“ tituliert werden. Bei allen Wertzuschreibungen haben wir also psychologische Glaubenssätze, lediglich der Grad an Massenpsychologie ist unterschiedlich.

Bei Dingen, die ihren Wert hauptsächlich aus massenpsychologischen Effekten beziehen, mag man oft denken: Man muss nur den Nächstdümmeren finden, der bereit ist für diese scheinbar wertlose Sache einen höheren zu zahlen. Aber was ist, wenn dieser Nächstdümmere die Sache für einen höheren Preis verkauft? Dann stellt sich der Nächstdümmere nämlich als der Nächstschlauere heraus.

Oftmals läuft man Gefahr, die Eigenschaften eines Systems zu übersehen, die den massenpsychologischen Effekt stützen und letztlich begründen.

Ein weiterer Vorteil des massenpsychologischen Effekts: Der Wert von Baumaterial hängt von den Eigenschaften im Bau ab. Wird ein besseres Material gefunden, gerät das zuvor wertvolle Baumaterial in Vergessenheit. Sollte Gold seinen Wert nur aus Zahnkronen beziehen, liefe es ständig Gefahr jederzeit verdrängt zu werden. Durch die Auslagerung des Wertes in den massenpsychologischen Effekt, ist es davor geschützt.

Der massenpsychologische Effekt birgt natürlich auch Gefahren, denn hier entsteht schnell eine Spirale: Der zugeschriebene Wert einer Sache kann nicht nur durch den massenpsychologischen Effekt, sondern auch durch die Preiserhöhung in der Zeitkomponente bestehen. Geht eine Person davon aus, dass eine Sache in der Zukunft einen höheren Preis als in der Gegenwart erzielt, dann ist diese Sache für das Ziel des Geldverdienens begehrt und damit wertvoll. Dieser Zugewinn an Wert, führt wiederrum zu einer erhöhten Nachfrage. Dadurch steigt der Preis immer weiter, bis kein Käufer gefunden wird und der Glaube an einen höheren Preis in der Zukunft einen Riss bekommt. Da dieser Glaub aber für diese Sache wertvoll war, kann der Preis schnell wieder in einer Abwärtsspirale fallen.

Geld und Bitcoin

Geld in Form von staatlichen Währungen funktioniert natürlich auch aufgrund des massenpsychologischen Glaubenssatzes, aber dieser steht meist auf stabilem Fundament: Schutz und Instandhaltung durch Institutionen.

Natürlich spielt es keine Rolle, ob etwas in der greifbaren physischen Welt oder digital existiert. Denn Geld existiert schon lange nicht mehr ausschließlich aus Münzen und Scheinen. Die Kontrolle und der Schutz durch finanzielle Institutionen ist auch für die digitalen Nummern gegeben und daher derselbe Wert gewährleistet.

Auch das Bitcoin Netzwerk ist digital, sogar ausschließlich. Hinter dieser dezentralen Technologie steht keine zentrale schützende bzw. kontrollierende Instanz. Und hier liegt ein wichtiger Aspekt für die Bewertung von Bitcoin: Wie wertvoll ist ein System, welches ohne zentrale Macht auskommt, die je nach Sichtweise beschützend oder manipulierend ist? Das hängt wiederrum von vielen weiteren Faktoren ab, wie u. a. dem Verhalten eben dieser Instanz, wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Tendenzen sowie das Vorhandensein alternativer dezentraler Systeme. Für die Bemessung des Wertes kommt bei Bitcoin hinzu, dass es viele Eigenschaften wie Gold besitzt (Fungibilität, Robustheit, Mobilität, Teilbarkeit, Verständlichkeit, Knappheit, Sicherheit vor Manipulation) und diese sogar in den meisten Kriterien übertrifft. Der massenpsychologische Effekt ist vorhanden, wird aber durch die besonderen oben aufgeführten Eigenschaften geschützt.

Fazit

Es ist also für Investitionsentscheidungen absolut essentiell zu erkennen, dass „Wert“ nichts komplexes oder unabhängig existierendes oder intrinsisches ist, welches man zuerst ergründen müsse. Es ist nur die Begehrlichkeit, die es gilt bei Investitionsentscheidungen in die Zukunft zu extrapolieren. Da bei Investitionen der monetäre Preis in der Zukunft fast immer das einzige Entscheidungskriterium ist, kann die Begehrlichkeit zusammen mit dem Konkurrenzdruck, also als Angebot und Nachfrage in der Zukunft geschätzt werden.

Die Aussage: „Es geht um den Wert in der Zukunft, nicht um den Preis“ ist nichtssagend, denn der Wert, als Bewertung oder Begehrlichkeit der Marktteilnehmer verursacht den Preis. Wenn man also auf den zukünftigen Preis wettet, dann ist dieser das Endresultat von allen Gegebenheiten. 

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